vessels under similar conditons
22.07-02.08. C. Rockefeller Center for contemporary art
Leon Schuster
affinity4artificiality
a dump desire for banality
deep love for naturality
and everything is holy.
until it´s not
Elementarer Teil der Ausstellung „vessels under similar conditions“ ist die Befragung von
Nutzobjekten auf ihre Materialität und Oberfläche hin. In diesem Zusammenhang
konvertiert Schuster verschiedene „Gesundungsinstrumente“ und andere Alltagsobjekte in
Keramik und bring sie zu neuen Kompositionen zusammen. Nicht nur hinterfragen diese
Monomaterial-Montagen generell den Objektstatus der verwendeten Dinge, sie spielen auch
die spezifische Aufladung oder Banalität der Dinge gegeneinander aus. Abgeformt in Gips
und ausgedrückt in Ton lassen sie mit diesem traditionellen bildhauerischen Werdegang ihre
eigentliche Ontologie hinter sich und stellen die Frage nach einer neuen materiellen
Wertigkeit. Sie verweilen als hohle Gefäße im Spiel mit Natürlich- und Künstlichkeit und
besitzen doch nur noch die Haut ihrer Ursprünglichkeit. Während sie damit in ihrer Identität
immer unklar bleiben, offenbaren sie eine Mystik der Dingwelt, die wir im Zuge des
Anthropozäns selbst erschaffen haben. So werden Faszienrolle und Balancekissen in
Schusters bildhauerischer und fotografischer Bearbeitung offenkundig ihrer Funktionalität
entrückt, wodurch sich ihre eigentliche Groteske zeigt: Sie erscheinen als Erzeugnis einer
Überformung des menschlichen Körpers bzw. als Konditionierungsmöglichkeit für selbst
geschaffene Probleme. Rotierende Plastikstachel im Nacken und Gumminoppen in der
Wirbelsäule, die VerspannungenVomSitzenLösen (usw.) ihr Konsumversprechen: Heilung! -
wenigstens Entspannung, mindestens eine Milderung der Umstände. Ihre
Prosperitätsästhetik, die Schuster auch immer wieder in cinematischen Fotografien aufgreift,
ist offenkundig Mittel und Ziel eines ebenso kapitalistischen wie trügerischen
Erfolgversprechens mit diesem Produkt zur „inneren Ressonanz“1 o.ä. zu gelangen, indem
man sich entgegen der kapitalistischen Ausbeutung um sich selbst kümmert. Was uns doch
aber insbesondere aus dem Foto der Chi-Maschine Deluxe und des Barhockers Magis Bombo
angrinst, ist der Grusel des Plastiks, der sich aus der Unfähigkeit des Materials, „jemals die
triumphale Glätte der Natur zu erreichen“2, ergibt. Aber eben auch jene Natur ist
buchstäblich überzeichnet vom menschlichen Eingriff und stellt die Merkwürdigkeit des
menschlichen Produktionsdrangs zur Schau. Genauso flatscreenartig wie latent an
Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts erinnernd, eröffnet sich auf bedrucktem Zeltstoff
eine getaggte Felswand – gewissermaßen ein Akt der landschaftlichen Entheiligung, die sich
auch in der Fotografie des Knusperhäuschen-Steingemäldes reproduziert. Möglicherweise
sehen wir vielleicht aber auch nur eine zeitgenössische Variante der Höhlenmalerei und das
unbedingte gesellschaftliche Anliegen sich in der Welt abzudrücken, das sich auf
verschiedene Art in allen Objekten der Ausstellung spiegelt.
1 fiktive Influencerin auf Social Media mit säuselnder Stimme
2 Vgl. Roland Barthes, „Plastik“, S. 224