SCHLEIER
Fotobuch von Martin Bertelmann, 2025
(Textauszug)
Say yes to the dress1
Braut sein dauert nur ganz kurz. Das Heiratsversprechen mit den berühmten Worten „wollen Sie diese Braut*2 lieben achten, ehren, in guten wie an schlechten Tagen, bis das der Tod sie
scheidet?“, das im Idealfall in einem „ja ich will!“ endet, nimmt nur 1-2 Minuten in Anspruch; die gesamte Trauung möglicherweise eine halbe Stunde, vielleicht eine dreiviertel. Ein beachtlich kurzer Zeitraum, geht es doch um eine Ent(scheidung) mit lebenslangen Folgen.
Die Hochzeit als „der wichtigste Tag im Leben!“ möchte sich mit dieser Hybris in Biografien abdrücken und „viel investieren und wenig davon haben“ (z.B.), meint ein überliefertes Konzept für diese Party. „Cause all of me loves all of you“3, „der Wunsch nach etwas besonderem“, „weil wir es uns wert sind und nicht, weil wIr etwas ÜbertRumpfEn wolLen.“ Auch hier macht der kapitalistischste Leistungsimperativ nicht Halt. Vielleicht lässt sich aber auch jene Diskrepanz zwischen finanziellem Aufwand und faktischer Dauer der Hochzeit nur durch einen unstillbaren Glauben an die Funktionalität einer solchen Ehe erklären.
Did u say forever? Sorry I fell asleep while u were talking.
Because what actually happened but don´t tell anyone.
ein unglückliches Ende (aber es muss nicht zwingend so gewesen sein)
(Im Jahr 2024 wurden 129 300 Ehen geschieden, die durchschnittliche Ehedauer bis zur Scheidung beträgt 14,7 Jahre.4)
I want to retell a story… I´m gonna say it in English die sprachliche distanz hilft hinweg über die erschütterung
drunk from fantasies I want to spend this life with you
me and you under this lovetree holding hands, kissing badly, babe I asked you
Do you wanna marry me? and
“Don't say no, no, no, no, no. Just say yeah, yeah, yeah, yeah, yeah. And we'll go, go, go, go,
go”5 and u said yes, and I said yes
historisch längst aus dem Zwang der Ehe befreit / eine freie Entscheidung6 what a great show it was
we got husband* and wife* and this life was something but
four years later we / she realized, she can´t hide behind this foreign vague language / romanticizing won´t help to cope.
Gibt man „Brautkleid“ auf Ebay-Kleinanzeigen ein, ist es der Schock dieser ,EintagesidenditätBraut*´7, der sich im Zuge ihrer Unwiederbringlichkeit auf der Online-Verkaufsplattform entlädt. „Brautkleid Gr. 38 zu verkaufen, hat damals bei Balayi Magazasi am Kudamm 1200€ gekostet. Abholung Nähe S-Bhf. Blankenburg.“ Mitunter ein nostalgischer Unterton, die Wehmut, Braut* gewesen zu sein, die Sehnsucht, Braut* zu werden… Die Zirkulation der Brautkleider ist aufgeladen mit diesem einen großen Versprechen - fusionieren Identität und genähtes Textil am Tag der Hochzeit kulturtechnisch schließlich zu etwas Besonderem. Es ist die Hoffnung an diesem Tag im Einwegprodukt „Hochzeitskleid“ nicht verkleidet zu sein.
(...)
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1 Fernsehsendung auf TLC
2 Im Folgenden wird das mit einer weiblichen Person assoziierte Wort Braut mit * geschrieben. Wenngleich in Schleier fast ausnahmslos weiße cis-heterosexuelle Hochzeiten gezeigt werden, soll dieser Ebay-Kleinanzeigen. Konformismus nicht als realitätsabbildend verstanden werden. Insofern möchte das * für einen inklusiven Braut und Bräutigam Begriff werben.
3 Song, All of me John Legend, 2013
4 Vgl. Statistisches Bundesamt
5 Song, Marry You, Bruno Mars, 2010
6 Vgl. Roig, Emilia Das Ende der Ehe. Für eine Revolution der Liebe. Berlin 2023. S. 14
7 Siehe hierzu auch der Begriff „Post-Hochzeitsdepression, der das Gefühl dass die Hochzeitsfeierlichkeiten vorbei sind und die Ehe begonnen hat“ in ebd.
all picture credits: Martin Bertelmann