Kisses to paradise
Stefan Brock, Martin Andereggen
Gallery Stephanie Kelly, Dresden, Mai 2025
Das Begehren zum Narrativ, zur Geschichte, zur Erzählung ist
ubiquitär; ständig wiederholen wir uns, suchen nach unserer Identi-
tät, möchten verstehen, kommunizieren, wollen fühlen, etwas wei-
tergeben, müssen fingieren, übermitteln oder: alles von Beginn an
neu formulieren. Immer im Plural, nie logisch, selten klar. Tell me.
Gewissermaßen beschäftigen sich auch die Arbeiten von Stefan
Brock und Martin Andereggen mit diesem Komplex.
“Tell me baby”.1
„Tell me something I didn ́t know before I want
a story, a really beautiful one, with love and all the craziness you
got. Tell me something, please tell me a story, I long for a good one,
something nice, something with heart, something like a story about
kisses to paradise.”2
Stefan Brocks Bilder zeigen Versatzstücke unterschiedlichster
Welten und Geschichten; sie sind Momentaufnahmen, Szenerien, Stills oder Portraits, die uns einladen, Narrative um ihre Protagonist*innen zu spannen. Wer sind diese zwei Personen dort im Vordergrund? Was machen sie da? Was ist das für eine Kreatur im Hintergrund? Wo findet das Geschehen statt? Fast meint man in seinen Bildlandschaften die hiesige Welt oder gar seinesgleichen wiederzuerkennen – und doch beinhaltet diese vermeintliche Bekanntschaft immer eine Verfremdung und der Blick der Betrachter*innen wird im Vertrauten nur ganz kurz bestätigt. Diese entrückenden Bildele-
mente bewegen seine Bildprotagonist*innen und ihre Umgebungen zu Oszillationen zwischen Realem, Mythologischem oder Fantas-
tischem. So auch seine Protagonist*innen. Zusammengesetzt aus Research-Material, sowie realer Physis lässt sich ihr bildimmanentes Subjektsein häufig nicht genau festschreiben.
Folgen wir der Malerei aus kulturhistorischer Perspektive zurück zu ihren Ursprüngen, erzählt sie uns als tradiertes Medium der Portrait-, Ikonen- und Genremalerei eine Geschichte der sogenannten Bildwürdigkeit. Brock macht sich diesen Kanon zunutze und lässt sich auf dessen Historizität ein, allerdings bloß um beides aus der Gegenwart zu unterlaufen. So vermischt er pop- und hochkulturelle Abbildungstopoi, hinterfragt verschiedene Bildstati und schafft hybride Bildwelten, die Ästhetiken des Digitalen und Analogen vermischen. In Zusammenhang mit letzterem schauen seine Figuren manchmal aus, als wären sie mittels eines Filters auf die Leinwand generiert worden – oder handelt es sich doch nur um eine Maske und es gibt noch eine Person dahinter? Wer sind diese Personen, die Brock uns hier zeigt? Gemalt in Öl, sind sie, wie auch ihre Welten Wunschvorstellungen, kleine Eskapismen. Wer würde nicht gerne in diesen Bildwelten spazieren gehen? Jeder Wunsch dort zu koexistieren wird jedoch von Brocks flachem Farb-Duktus, der die Lein-
wand scheinbar versiegelt gestoppt. Die Erzählung endet mit dem Keilrahmen und man könnte fast von einer schützenden Oberfläche, die seine Bildwelten von der unseren abtrennt, sprechen; seine Erzählungen des Stoffs bleiben illusionistische Sehnsuchtsorte.
Martin Andereggens Arbeiten sind meist seriell entstehende
Skulpturen, deren Material aus seinem direkten Umfeld stammt. Ebay Kleinanzeigen als Materialgiver oder Dinge mit lokalem Bezug zum jeweiligen Ausstellungsort formen plastische Entitäten, die sicj ihrem ursprünglichen Gebrauch entziehen. Umgeformt und neu zusammengesetzt oder gar in ihrer Form gänzlich aufgelöst, sind sie Agierende einer Dingwelt, wie sie schon einmal stattgefunden hat und sich trotzdem nicht noch einmal wiederholt. Sie deklinieren ihre Herkunft in ihrer neuen Form immer ein Stück weit mit – lässt Andereggen zum Beispiel Kratzer und Verformungen am ursprünglichen Gegenstand bestehen. Zu merkwürdiger Anatomie zusammen gesetzte Bürostühle, Gesichter aus Epoxidharz, die allerlei Krimskrams unter sich begraben, eine geschmolzene Backsteinpfütze mit Loch in der Mitte – gewissermaßen enthalten sie die Welt, in der die ihnen zu Grunde liegenden Gegenstände vorkommen. Gleichzeitig möchten sie sich mit ihrer gegenwärtigen Erscheinung nicht mehr wirklich in ihren ursprünglichen Kontext einfügen. Sie haben eine neue Daseinsform angenommen und mit ihr auch eine andere Ge-
schichte. In dieser Postexistenz oder anders, in ihrem ,living afteruse wirken sie wie Geister. Oder doch eher wie Protagonisten eines SciFis, einer Dystopie? In jedem Fall haben sie eine unbestimmte Identität – beinhalten sie ihren ehemaligen Nutzen schließlich nur in Dysfunktionalität. Auch die Zeit ist ein wichtiger Faktor und der mit ihr aufkommende Staub und Dreck auf den Arbeiten wird von Andereggen nie weggewischt – es bildet sich sukzessive eine Patina, in der sich die Orte an denen sie standen einschreiben. Die metamorphischen Sonderlinge verschwinden also auf lange Sicht in der Zukunft unter einer neuen Haut.
Tell me baby . [...] something with heart, something like a story
about kisses to paradise.
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1 Red hot chili Peppers, “Tell me Baby”, Song, 2006
2 Fiktiver Songtext
all pictures credit: Andreas Peitz